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23.03.2018

Besuch von der Zeitzeugin Ruth Weiss

Fünf zehnte Klassen haben sich am Donnerstagmorgen in der Turhalle der St. Elisabeth Realschule versammelt. Die Schüler und Lehrer erwarteten Ruth Weiss, eine Überlebende der NS-Zeit. Sie hatten die einmalige Gelegenheit, die Autorin ihrer Prüfungslektüre „Meine Schwester Sara“ zu treffen und zu befragen.

Die 94-Jährige erzählt den Schülern ruhig und sachlich ihre Lebensgeschichte und von den historischen Ereignissen, die sie miterlebte. Weiss wird nicht emotional, wenn es um ihre Erfahrungen in der NS-Zeit ging, sie erzählt mit fester Stimme, lässt jedoch keinen Zweifel daran, wie unbegreifbar die Zeit gewesen ist.

Sie wurde 1924 in Fürth in eine jüdische Familie hineingeboren. Zunächst verbrachte sie eine ganz normale Kindheit, „bis ich ungefähr achteinhalb Jahre alt war und am 30. Januar 1933 Hitler Kanzler wurde“, erzählt sie. Weiss’ Vater wurde, wie viele andere Juden auch, gekündigt. Glücklicherweise hatte die Familie Verwandte in Südafrika, die ihnen schrieben, dass Südafrika offen für Flüchtlinge aus Deutschland sei. 1936 emigrierte Weiss mit ihrer Familie nach Südafrika.

Doch auch in Südafrika blieb Diskriminierung ein allgegenwärtiges Thema. Diesmal war sie jedoch nicht religiöser Natur, sondern richteten sich gegen die Rasse. Apartheid war das vorherrschende Thema. Kurz nach dem Einzug brachte Jenny, das schwarze Hausmädchen der Familie ihr Baby mit. Ruth und ihre Schwester waren entzückt und spielten mit dem Kind, ohne dabei zu wissen, dass sie damit etwas „Verwerfliches“ taten. Im Nachhinein sagten die Nachbarn der Familie: „Man fässt kein schwarzes Kind an.“ Das sei gegen die Sitten.

„Wir sind von einem Unrechtssystem in einem anderen angekommen“, sagt Weiss. In ihrem Leben sind Diskriminierung und Intoleranz allgegenwärtig: die Judenhetze in Deutschland, die Apartheid in Südafrika. Die Erfahrungen haben Weiss nicht mehr losgelassen. In ihren Büchern ist Rassismus ein durchgängiges Thema. Auch in Südafrika ist sie nicht dauerhaft geblieben. Sie lebte abwechselnd in England, Deutschland und Südafrika und arbeitete dort als Journalistin. Heute lebt sie in Dänemark und schreibt primär Romane. Sie besucht regelmäßig Schulen in Deutschland, um von ihrem ereignisreichen Leben zu berichten.

Während Weiss erzählt, liest Lutz Kliche, ihr Lektor und Begleiter auf Reisen, immer wieder ergänzende Passagen aus ihrem Roman „Wege im harten Gras“ vor, in der Weiss ihre Lebensgeschichte niederschrieb.

Fatale Kindheit

Weiss spricht vor den Schülern auch über ihren Roman „Meine Schwester Sara“. Damals adoptierten viele Buren, europäischstämmige Einwohner Südafrikas, deutsche Kinder. Von dem Schicksal eines solchen Adoptivkinds handelt die Geschichte. Da sich erst nach der Adoption herausstellt, dass die Kriegswaise Sara jüdischer Abstammung ist, lehnt ihr Adoptivvater sie ab, was ihr eine fatale Kindheit beschert. Als Studentin schließt sie sich dem Widerstand gegen das Apartheidregime an.

Die Schüler nutzen die besondere Gelegenheit, Fragen zur Prüfungslektüre zu stellen. Eine Schülerin will wissen, ob es für Sara besser gewesen wäre, wenn sie in einer anderen Familie gelandet wäre. „Eine andere Familie muss nicht eine andere Umgebung heißen“, antwortet Weiss. „Sara hätte dann vermutlich eine andere Art von Diskriminierung erfahren.“ Eine weitere Frage ist, ob es ihr naheging, die Geschichte zu schreiben. Weiss erklärt, dass der konkrete Fall natürlich emotional ist. In ihrer eigenen Lebensgeschichte hat sie jedoch Distanz zu ihren Erfahrungen gewonnen. Eine weitere Schülerin will wissen, was Weiss’ wirkliche Heimat sei. Weiss antwortet ohne lange zu überlegen: „Ich habe schon lange keine Heimat. Ich bin dort zu Hause, wo ich akzeptiert werde und Freunde habe.“

 

Text: https://www.schwaebische.de/landkreis/bodenseekreis/friedrichshafen_artikel,-geschichte-trifft-auf-emotionen-_arid,10841205.html

 

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